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Konstruktionen von „Ethnizität“ und „Benachteiligung“

Natio-ethno-kulturelle Differenzen und „Benachteiligung“ sind im deutschen Übergangssystem eng verwoben. Wie sind diese Zusammenhänge in anderen Ländern? Wie sind sozialpädagogische Unterstützungsmaßnahmen für Jugendliche daran beteiligt? In meinem soeben erschienenen Buch rekonstruiere ich mit Hilfe einer qualitativen Mehrebenenanalyse Unterstützungspraxen in Frankreich und England im Zusammenhang mit Ungleichheitsstrukturen, institutionellen Arrangements und kulturell-ideologischen Rahmungen. Damit lässt sich zeigen, auf welch unterschiedliche Weisen die Hilfen im Übergang von der jeweils herrschenden „ethnischen“ sozialen Ordnung beeinflusst sind.
Buchcover Konstruktionen von "Ethnizität"…Die der Publikation zugrunde liegende Untersuchung fragt nach den Konstruktionen von „Ethnizität“ und „Benachteiligung“ in Unterstützungssystemen im Übergang Schule-Beruf. Sie nutzt dafür die theoretischen Konzepte der Übergangs- und Lebenslaufregime als Rahmen, um besser zu verstehen, wie unterschiedliche Ebenen an diesen Konstruktionen beteiligt sind. Übergangssysteme sind in diesem Verständnis als Konstellationen sozio-ökonomischer und sozialer Ungleichheitsstrukturen, bestimmter institutioneller Arrangements und – dies ist das Besondere an diesem Ansatz – kulturell-ideologischer Rahmungen gefasst. Insbesondere letztere sind daran beteiligt, was als „normal“ gilt in Übergängen im Lebenslauf, welche Problemlagen als förderungswürdig und förderungsbedürftig anerkannt werden und welche nicht. Meine Untersuchung fokussiert auf „natio-ethno-kulturell“ (Mecheril 2003) kodierte Kategorien der Unterscheidung und zeigt, wie diesbezügliche soziale Ordnungen zu länderspezifischen Konstruktionen von „Benachteiligung“ in Beziehung stehen und wie die unterschiedlichen Ebenen miteinander interagieren.
Zu diesem Zweck wurden die Übergangssysteme Frankreichs und des Vereinigten Königreichs daraufhin untersucht, wie Prozesse der Ein- und Ausschließung mit Bildungs- und anderen Formen der Benachteiligung auf den unterschiedlichen Ebenen der Übergangssysteme zusammenwirken. Dazu wurden die Literatur zu den beiden Übergangssystemen unter dieser Fragestellung analysiert, Evaluationen und Sekundäranalysen zu Unterstützungsmaßnahmen im Übergang zusammengetragen und qualitative Interviews mit 29 Fachkräften aus Unterstützungsmaßnahmen im Übergang geführt.
Die Ergebnisse in Form von Rekonstruktionen von Praxen Sozialer Arbeit werden im Kontext ihrer jeweiligen „Modi der sozialen Distanzierung“ interpretiert, die sich aus „Ethnizitätsdispositiven“ speisen, die mit allen Dimensionen der Übergangssysteme verwoben sind. Die Ergebnisse zeigen, dass Kategorien sozialer Ungleichheit wie „Ethnizität“ in ihrer intersektionalen Verschränkung mit anderen Kategorien untersucht werden müssen und zwar auf allen analytischen Ebenen. Dies hat auf der einen Seite Konsequenzen, wie die professionelle Handlungsfähigkeit in diesem Kontext einzuschätzen ist: die Ergebnisse meiner Analysen zeigen, dass die Wahrnehmungen und Deutungen der Professionellen zwar mit den länderspezifischen Rahmungen verknüpft sind, dadurch aber nicht determiniert sind. Im Gegenteil gibt es Spielräume, die sowohl mit den fachlichen Haltungen als auch den arbeitsformspezifischen Rahmenbedingungen in Verbindung gebracht werden können. Diese Ergebnisse werfen für Politik und Soziale Arbeit insbesondere Fragen danach auf, welche Rahmenbedingungen für „reflexive“ Formen des Umgangs mit Kategorien sozialer Ungleichheit besonders förderlich sind. Damit ergeben sich auch eine Reihe von Fragen, die lohnende Ausgangspunkte für weitere Forschung darstellen.

Der Band ist ab sofort vorbestellbar. Zum Beispiel beim Verlag Beltz Juventa. Dort gibt es auch weitere Informationen.

Bibliografische Angaben zum Band:

Axel Pohl (2015): Konstruktionen von “Ethnizität”und “Benachteiligung”. Eine international vergleichende Untersuchung von Unterstützungssystemen im Übergang Schule — Beruf. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.